Die Verbotene Stadt

DIE VERBOTENE STADT

„Kriegfried“

Kunstmuseum, Marburg, 1988

Zinnenhaft zieht sich die Zeichenzeile entlang der Wand. Jede Zeichnung ein Baustein. Offene Turmkrone. Prekäres Gleichgewicht. Miniaturen mit monumentalem Mienenspiel. Aufgeblasene Volumina. Wechselnde Vexierbilder in unbestimmten Tönungen. Wehrhafte und trutzige Mauern. Düstere Baustücke auf einsamen Gipfeln. Dumpfe Ghettos, am Rande des Schwerkraftkollapses. Missfarbige Türme auf tönernen Füßen. Verkommene Silos. Morbide Steinwüsten. Baufällige Feuertempel. Welke Schichtungen aus Lehmziegeln und Erdpech. Der Turmbau zu Babel. Hochmütiges Gottgleich oder mürrisch-verbissenes Leugnen der Grenzen menschlicher Macht. Kain, der erste Großstadtmensch. Gefangen in Zeit und Raum, ohne Chance auf ungefilterte Blicke. Und dann der Erstschlag. Blitz: die Öffnung zum Licht. Das Wirrsal. Staccato greller Farbräume. Zerstörung sorgfältiger Baugedanken. Einstürzende Neubauten. Berührung mit dem Numinosen. Auflösung fester Strukturen. Der „genius loci” aber, Hoffnungsschimmer auf neue Grundsteinlegungen, für andere Wallfahrtsorte der Seele.

Die Verbotene Stadt, 1988, Kunstmuseum Marburg mit Kriegfried
Abb. Die verbotene Stadt, 1987-88, je 42 x 30 cm, gerahmt, eine Serie von 63 Ölpastellen, in "Kriegfried", Kunstmuseum Marburg