Oubliettes

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Abb. Oubliettes, Entwurf für den Tagesspiegel/Mehr Berlin, 2011

„RAMEAUs Neffe“ von Gerrit Confurius

Text für OUBLIETTES/Tagesspiegel/Mehr Berlin (2010/11)

Auf seinen Spaziergängen trifft der Erzähler, der sich selbst zu den „Philosophen“ rechnet, in einem Café nach dem Palais Royal Jean-Francois Rameau, den Neffen des berühmten Komponisten Jean-Philippe Rameau, ein den Parisern vertrautes „Original“, wie man damals Stadtstreicher der gehobenen Kategorie nannte, mit einem „Temperament, so wechselhaft wie das Wetter“. Man nannte Rameau einen „verwachsenen Riesen“, einen „Adler des Geistes mit der praktischen Veranlagung einer Schildkröte“, und stadtbekannt war sein „hervorstehender Kiefer, der wie das Emblem einer auf alles Genießbare konzentrierten Weltanschauung“ aussah.

Sich selbst beschreibt Rameau scheinbar noch viel gnadenloser als seine Zeitgenossen, aber doch auch mit dem spürbaren Gefallen an der unüberbietbaren Provokation, als „Abschaum“ und „verwöhntes Mittelmaß“, er nennt sich „Speichellecker“, „Lügner“, „Dieb“, vor allem aber immer wieder „prinzipienlos“ und „bettelarm“. Er würde alles tun, um „guten Wein zu trinken, opulente Gerichte zu verschlingen, sich an hübschen Frauen zu räkeln und in weichen Betten zu schlafen“. Mit dieser Lebensphilosophie erhebe er sich, so der Erzähler, zu einem „wesentlichen Geist“ seiner Zeit.

Mehr noch als seine Überzeugungen aber drängt das gewaltsame Tempo seiner Rede den Philosophen-Erzähler an den Rand des Gesprächs. Rameau verschafft sich Aufmerksamkeit mit ohrenbetäubender Stentorstimme, er schleudert seinem Gegenüber Salven aus Verben und Substantiven entgegen, die am Ende stets ironisch klingen. Er spielt mit Hunderten von Namen, die Klatschgeschichten und Skandale in Erinnerung rufen, welche vor allem für die Aufklärungspartei schmerzhaft sein dürften. Vor allem aber unterläuft der Neffe listig die Fragen und Argumente des Philosophen, indem er sie wörtlich nimmt: „Was ich so tue? Dasselbe wie alle anderen. Gutes, Schlechtes und nichts. Wenn ich Hunger habe, dann esse ich, sofern sich Gelegenheit bietet; wenn ich Durst habe, trinke ich manchmal; und weil dabei mein Bart wächst, lasse ich mich dann und wann auch rasieren.“

Hegel zitiert in seiner „Phänomenologie des Geistes“ die Stelle über das „stumme Fortweben des Geistes im einfachen Innern seiner Substanz“: „Die reine Einsicht durchschleicht … die edlen Teile durch und durch und hat sich bald aller Eingeweide und Glieder des bewußtlosen Götzens gründlich bemächtigt, und an einem schönen Morgen gibt sie mit dem Ellbogen dem Kameraden einen Schub, und Bautz…“ Er fährt fort, indem er erklärt, daß daß dieser Geist, „der sich sein Tun verbirgt, nur eine Seite der Realisierung der reinen Einsicht“ sei. Im Übergang zum Neuen vollzieht sich ein leidenschaftlicher Kampf, in dem man erkennt, wie sehr die Gegensätzliochkeit zum Widersacher bereits in dessen Logik verwoben ist.

Gewiß hatte Hegel recht, als er in der „Phänomenologie des Geistes“ meinte, daß der Autor Diderot in zwei Rollen anwesend sein wolle, im „zerrissenen Bewußtsein“ des Neffen und im „ruhigen, ehrlichen Bewußtsein“ des Philosophen. Der Diderot dieses Textes kann seinem Gesprächspartner einfach nicht Paroli bieten. Die zunächst angestrengt durchgehaltene Selbstironie des Philosophen – „mein Geist ist wohl beschränkt“ – löst sich in eine ernüchternde Situationsbeschreibung auf: „Ich war verwirrt von Rameaus Geistesschärfe und seiner Verderbtheit, von einer solchen Perversion der Gefühle und so außergewöhnlicher Ehrlichkeit.“

Das Verhältnis von Philosoph und “Original” kehrt sich schleichend um. Dem Philosophen entgleitet die Gesprächsführung. Der Neffe als Antiphilosoph und amoralisches Subjekt übernimmt immer mehr die sokratische Gesprächsrolle, die Rolle dessen, der die Überlegenheit des Fragenden auszuspielen versucht. Der überhebliche Philosoph wird von seinem unwürdigen Kontrahenten immer mehr in die Aporie getrieben. Der Neffe übernimmt die Rolle dessen, der das Gespräch strukturiert. Ange
maßter Philosoph und Narr tauschen unmerklich die Rollen in einem karnevalesken Bachtin’schen Dialog.

Der Lärm des Kampfes schwillt an. Der statische Raum der Vernunft füllt sich mit frenetischem Leben. Ständig summt oder singt Rameau Musikstücke, die sich den Themen des Gesprächs anzuschmiegen scheinen. Doch das Summen und Singen ist nur ein Übergang zu dem bizarren Verhalten, das der Erzähler als „Rameaus Pantomime“ erlebt. Rameau kopiert Bedeutungen in körperlichen Gesten, statt sie durch Wörter zu repräsentieren: „Rameau griff das, wovon ich sprach, als Pantomime auf. Er hatte sich auf den Boden geworfen und sein Gesicht gegen die Erde gepreßt, er weinte, er schluchzte. Dann stand er plötzlich auf und sprach in ernstem und wohlüberlegtem Ton weiter.“ Am Ende spielt der Neffe ein ganzes Orchester mit all seinen Instrumenten, einschließlich der Bewegungen des Dirigenten – bis zur völligen Erschöpfung. Längst hat er die Aufmerksamkeit der Zuschauer in Bann geschlagen, und auch der Philosoph kann ihm nicht eine gewisse, wenn auch ironisch gebrochene Bewunderung versagen: „Ich wäre nicht einmal würdig, Ihr Schüler zu sein.“ „Er“ ist mit seinen Gefühlen den Einsichten des „Ich“ um mehr als nur ein paar Schritte voraus. Das Voraussein des Körpers macht freilich auch dem Neffen selbst zu schaffen. So verfällt Rameau für einen Moment in Gesten verzweifelter Depression. Er sieht sich zur Rechtfertigung genötigt. Zur Pantomime und zu solchen Konvulsionen des Körpers, klagt er, seien Marginalisierte verdammt, denen, anders als den Mächtigen, die Erfüllung allen Begehrens verwehrt sei.

Das sich selbst verbergende Tun stellt sich auf die Hinterbeine, als “Bejahung der Bejahung”, “Wille zu Wollen”, “Herr ohne Sklave”. Der Wille ist dabei notwendigerweise “subjektlos”, Intentionalität ohne Intendanten. Er produziert schöpferisch die Differenzen, die sich zueinander nicht-identisch verhalten, da sie in keinem Augenblick ihrer Entstehung eine Reproduktion eines schon Gedachten oder schon Vorgezeichneten sind. Affekte ohne Redundanz. Diese differentielle Kraft schafft einzig und allein “Singularitäten” oder “Ereignisse, die nicht vorhersehbar sind”. Diderot, so schreibt Goethe, habe „die heterogensten Elemente der Wirklichkeit in ein ideales Ganzes zu vereinigen“ gewußt, und ohnehin sei klar, „daß Niemand ihm an Lebhaftigkeit, Kraft, Geist, Mannigfaltigkeit und Anmut“ gleichkomme. Jenes ideale Ganze sei eben nicht auf die analytische Seite der Aufklärung beschränkt, sondern schließe die Emotion und die Affekte ein. Der Neffe verkörpert Goethes „ineffabile“, den Impuls, das Unfaßbare, Unaussprechbare wider alle sprachkritischen Bedenken und Ansprüche benennbar zu machen und sich damit dem „verborgenen Zentrum der Erfahrung“, auch der wissenschaftlichen, zu nähern, ohne dabei den „Respekt vor dem Unverstandenen“ zu verlieren.

Foucault resümierte seine Geschichte des Wahnsinns mit den Worten: „Auf der einen Seite steht eine Gruppe von Figuren, die ihren Willen beherrschen, aber die Wahrheit nicht kennen. Auf der anderen Seite steht der Narr, der ihnen die Wahrheit erzählt, aber nicht die Herrschaft über seinen Willen besitzt und nicht einmal über die Tatsache, daß er die Wahrheit erzählt.“ Nun taucht in der Geschichte der Denkgewohnheiten des cogito plötzlich der Neveu de Rameau auf. Dieser Kompromiß aus Niedertracht und Unvernunft, der „die Wahrheit ans Licht bringt und die Schurken entlarvt“. Der Neffe ist auf seine Art ein Philosoph, der nicht verrückt ist, aber den Unverschämten, Faulen, den Schnorrer, den Schlemmer, den Narren, den Possenreißer spielt. Er mißtraut seiner Wissenschaft und weiß nicht, woher ihre Methode kommt, bedient sich aber bei aller Nachahmung der Figuren, die er spielt, seiner Freimütigkeit, um jene Wahrheit herauszulocken, die die anderen hinter den Rollen verbergen, die die Gesellschaft ihnen vorgibt. Er ist auf seine Art ein Parrhesiast, der die Wahrheit ausspricht. Anti-cartesianische Lektion nannte Foucault das Vorgehen des Neffen: „Wahn, der in einer der Wahrheit gleichwertigen Illusion das Sein und das Nichtsein des Realen vereint“,  „der Rausch des Sinnlichen“, „die unmittelbare Faszination und die schmerzliche Ironie, in der sich die Einsamkeit des Wahns ankündigt“, und stellt, mit Blick auf Hölderlin, Nietzsche, Artaud, van Gogh die Frage: „Was ist das für eine Macht, welche diejenigen versteinert, die ihr einmal ins Auge gesehen haben, die versucht haben, die Unvernunft zu erproben?“

Das latente Gegenklima der Aufklärung schließt an die Figur des Narren an, wiewohl dieser offiziell abgeschafft und verfemt worden war. Der Figur des Narren wohnt die Potenz inne, die Relation zwischen den Gewievten und den Betrogenen, den Konformen und den Diskriminierten umzukehren. Rameaus Neffe von Diderot kitzelt mit Anspielungen auf Sokrates diesen dialektischen Charakter des Narren hervor. Dieser hat nicht nur äußerliche Ähnlichkeit mit Sokrates, er spricht auch wie dieser.

Hegel legte nahe, daß der Protagonist als Doppelfigur aus Philosoph und Neffe sich keineswegs verliere. Er spiele seine Pantomimen im Wissen, wie sie zu spielen sind; sein ganzes Theater werde vom Bewußtsein kontrolliert, mag es auch noch so delirieren. Man wird ihn für einen „moralischen Verrückten“ halten. Gerade dieses Spiels mit Vernunft und Unvernunft wegen werde er jedoch unverzichtbar für die rechtschaffenen Leute. In Zeiten, die wie die unseren in Konventionen erstarrt ist, könnte gerade dies erneut nötig sein. “Kommt ein solcher in eine Gesellschaft, so ist er ein Krümchen Sauerteig, das das Ganze hebt und jedem einen Teil seiner natürlichen Individualität zurückgibt. Er schüttelt, er bewegt, bringt Lob oder Tadel zur Sprache, treibt die Wahrheit hervor, macht rechtliche Leute kenntlich, entlarvt die Schelme, und da horcht ein Vernünftiger zu und sondert die Leute.” Das Bild vom Sauerteig hat dieselbe Funktion wie die älteren vom Zitterrochen (Menon) und vom Geburtshelfer, die ebenfalls in den Pantomimen angesprochen werden, wodurch die mäeutisch-sokratische, auch eulenspiegelhafte Gesprächsführung deutlich benannt ist.